Schriftsteller Ronny Weber

Der Zwang

"Darf ich reinkommen?"
Vera rieb sich ungläubig die Augen. Vor der geöffneten Wohnungstür war niemand zu sehen. Dennoch fragte die Stimme nochmals eindringlich: "Darf ich reinkommen?", um sich sogleich, ohne eine bestätigende Antwort abzuwarten, an Vera vorbei in die Wohnung zu drängen. Die Stimme verfügte über eine gewaltige Kraft. Es lag etwas Brutales in ihrem Wesen. Obwohl unsichtbar, schien sie mit größter Macht und Autorität ausgestattet zu sein; kein Vergleich zu jenen relativ schüchtern wirkenden Amtspersonen, die im Laufe eines Menschendaseins gelegentlich um Einlass bitten: Polizisten, Gerichtsvollzieher, Sozialarbeiter. Zu guter letzt der Amtsarzt, um den Tod eines Familienangehörigen festzustellen.
"Ich bin der Zwang!" rief die Stimme aus Richtung des Schlafzimmers.
"Ihr seid hier nicht erwünscht!" erwiderte Vera.
"Ich bin allgegenwärtig. Niemand kann mich vertreiben!" ließ sich der ungebetene Gast nun aus der Küche vernehmen.
"Ich werde Euch aus meinem Heim jagen!"
"Dann werdet Ihr die Konsequenzen zu tragen haben!" tönte es aus dem Wohnzimmer.
Vera lief der Stimme entgegen und stellte sich ihr in den Weg.
"Seid nicht töricht!" knurrte der Zwang verächtlich, doch die junge Frau ließ ihn nicht passieren. Eine Sekunde später flog sie in hohem Bogen durch das Zimmer. Der Zwang hatte ihr mit voller Brutalität ins Gesicht geschlagen. Noch bevor Vera wieder richtig bei Sinnen war, schaltete sich der Fernsehapparat ein, und der Zwang bekam nun ein Gesicht: Ein netter Herr mit Anzug, Aktentasche und Kassenbrille. Mitte dreißig, schlank, auf seriös getrimmt. So wie diese Typen von den Strukturvertrieben, was angesichts der Gesamtsituation ja durchaus angemessen war.
"Liebe Vera", säuselte der Zwang aus der Glotze heraus. "Du solltest Dich mir fügen. So wie die anderen auch!"
"Wieso?!"
"Ohne mich würde Chaos herrschen; Anarchie. Eine stabile Gesellschaft benötigt Zwänge. Es wäre hochgradig gefährlich, die geordneten Bahnen im Denken und Handeln, die ethischen Grundsätze und den sanften moralischen Druck des Kollektives zugunsten egoistischer Maximen aufzugeben..."
"In meiner Wohnung bestimme ich selbst!" rief Vera trotzig.
"Wessen Wohnung soll das sein? Ihr vergesst offensichtlich etwas sehr wesentliches: Diese Wohnung ist - wie alles andere auch - ein geduldeter Bestandteil der Gesellschaft. Ein aus Mitleid und Gnade gewährtes Rückzugsgebiet für Feiglinge und Dickköpfe, die sich von den Strapazen ihres sinnlosen Kampfes gegen die Prinzipien erholen müssen. Sie dient der langsamen Entwöhnung. Man könnte auch sagen: Metadon für Querulanten. Meine Aufgabe ist es, renitente Personen Stück für Stück auf ein normales Leben vorzubereiten; sie gesellschaftsfähig zu machen. Ich wohne daher im Fernsehen, im Radio, in der Zeitung, in Büchern. Sogar im weltweiten Netz kann man mich finden. Mal bin ich laut und anmaßend, mal leise und subtil. Niemand kann sich mir auf Dauer widersetzen. Wer dies versucht, wird sich früher oder später selbst zerstören."
"Ich lasse mir nicht vorschreiben, was ich zu denken und zu fühlen, was ich zu tun und zu lassen habe!"
"Kleinere Zugeständnisse in Einzelfällen kann ich durchaus gewähren. Zum Beispiel, was gewisse sexuelle Praktiken anbelangt." Der Zwang schmunzelte. "Im Allgemeinen erwarte ich aber, dass sich jeder den anerkannten Normen unterwirft und vor allem egoistische Denk- und Verhaltensweisen unterdrückt. Das ist doch auch viel bequemer. Man darf den Zwang nicht als etwas Negatives betrachten. Er bietet Orientierung und Halt, sichert den sozialen Frieden, fördert das Gemeinwohl..."
"Und was ist mit der menschlichen Entwicklung? Dem Fortschritt? Dem Suchen nach der Wahrheit?..."
"Unsinn!" rief der Zwang barsch.
"Was ist wohl gar der Sinn des Lebens?" hakte Vera nach, ohne bisher ernsthaft darüber nachgedacht zu haben.
"Diese Frage ist albern und naiv! Ich verbiete dir daher, deine Zeit mit derart überflüssigen Grübeleien und Fragereien zu verschwenden, oder andere Personen damit zu belästigen!"
"Sieh da! Der Zwang steht der Suche nach Erkenntnis im Wege! Vielleicht hat er ja Angst, überflüssig zu werden. Oder er befürchtet, dass man ihn früher oder später davonjagt!"
"Dazu bedarf es schon einer ziemlich großen Anzahl von Personen." brummte der Zwang selbstsicher.
"Irgendwer muss nur den Anfang machen."
"Ich habe die Sache im Griff."
Vera ärgerte sich über das unverhohlene Grinsen des Zwanges. Sie sprang wütend auf, eilte auf den Fernsehapparat zu und trat beherzt den Bildschirm ein...

Minutenlang herrschte eine beängstigende Stille. Vera erwartete, dass sich nun das Radio zu Wort melden oder der Zwang auf andere Weise wieder auftauchen würde. Doch nichts dergleichen geschah. Es reichte wohl schon, zu wissen, dass es ihn gibt - den Zwang; dass er allgegenwärtig ist. Doch allgegenwärtig heißt nicht allmächtig! Um die Allmacht des Zwanges zu verhindern, war Vera fest entschlossen, gegen ihn zu kämpfen. Auch wenn oder gerade weil die Gesellschaft sie deshalb verachten sollte.