Schriftsteller Ronny Weber

Das Dorf

Die hochsommerliche Mittagssonne brannte heiß und erbarmungslos über den ockerfarbenen Getreidefeldern einer grenzenlos einsamen Unendlichkeit. Lediglich ein verirrter Mäusebussard drehte verloren seine Runden über den Äckern des schon seit Jahren vergessenen Landes, wo ewige Stille und Leere nicht nur diesen Sonntag, sondern auch den Rest der Woche dominierten.
Eine alte Bäuerin zog seufzend ihren klapprigen Handwagen hinter sich her. Trotz der sengenden Hitze hatte sie sich auf den Weg gemacht, die etwa zehn Kilometer von Hagenbusch nach Rosendorf zu Fuß zu bewältigen. Es gab im Dorf zwar einen funktionstüchtigen Traktor, doch da die Mineralölgesellschaft seit Monaten keinen Kraftstoff mehr lieferte, stand das Fahrzeug ungenutzt in einer halb verfallenen Garage.
Hagenbusch besaß keinen eigenen Bahnhof, so dass die Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten und anderen notwendigen Gütern durch ein recht unregelmäßig verkehrendes Transportfahrzeug der Provinzverwaltung erfolgte. In letzter Zeit mussten die Frauen jedoch immer häufiger erst nach Rosendorf pilgern, weil die ihnen zustehenden Rationen aus Kostengründen einfach nicht ausgeliefert wurden und stattdessen direkt vom Eisenbahnwaggon in Empfang zu nehmen waren. Dabei konnten die Zuteilungen der Regierung den lebensnotwendigen Grundbedarf nicht annähernd decken und die Erträge aus dem eigenen Garten fielen Jahr für Jahr dürftiger aus. Es gab ja keinen Dünger. Das Vieh hatte man schon längst geschlachtet, da es unmöglich geworden war, mit den kargen pflanzlichen Ressourcen Menschen und Tiere zu ernähren.
Der Roggen auf den Feldern hingegen war ausschließlich für die Versorgung der Soldaten an der Front bestimmt. Zur Erntezeit wurden deshalb hunderte Frauen aus der dreißig Kilometer entfernten Stadt nach Rosendorf verlagert, um das Getreide einzubringen. Diese Arbeiterinnen schliefen in streng bewachten Zeltstädten auf verschlissenen Strohsäcken, doch hatten sie nach Ansicht der Dorffrauen dennoch ein besseres Leben, weil sie vermutlich nicht hungern mussten.

Die Bäuerin hielt inne und ließ den Blick über die Roggenfelder schweifen. Wie die anderen Frauen auch, hatte sie schon häufiger Getreide gestohlen. Darauf stand zwar die Todesstrafe, doch selbst die größte Patriotin wurde gelegentlich vom Hunger überwältigt. Johanna - so hieß die Bäuerin - wusste, dass der Diebstahl von Getreide immer auch als Verrat an den eigenen Soldaten und als ein Sieg für den Feind angesehen wurde.
Es war schwer, standhaft zu bleiben, während sich die goldenen Halme auf den Feldern sanft im Winde wiegten. Dennoch saßen die Frauen des Öfteren nachts beisammen und übertönten das Knurren des Magens mit hoffnungsvollen Liedern. Nichts ist schlimmer, als aufzugeben! Auf harte Zeiten folgen Jahre - vielleicht Jahrzehnte - der Glückseligkeit. Wenn der Krieg erst gewonnen ist, wird das Leben wieder lebenswert sein, wird wieder gefeiert werden, wird Kinderlachen die Luft erfüllen; Hunde werden fröhlich bellen, Musikanten werden spielen und attraktive Tänzer ihr Können präsentieren. Junge Burschen ritzen den Namen ihrer großen Liebe in die Rinde von Kastanienbäumen. Bier und Wein fließen in Strömen und am Spieß wird eine kapitale Sau gebraten…

Staub. Nichts als Staub ist vom Leben geblieben. Die Männer waren nun schon seit Jahren fort. Die Söhne folgten ihnen, noch bevor sie erwachsen wurden. Die Mädchen alterten um Jahrzehnte. Das letzte Kind hatte Ramona ausgetragen - die Tochter des evangelischen Pfarrers. Sie war mit gerade einmal zwölf Jahren von einem fünfzehnjährigen Taugenichts geschwängert und anschließend sitzen gelassen worden. Ramona hatte das Kind gleich nach der Geburt erstickt. Es war ein Junge gewesen. Sie wollte nicht, dass auch er irgendwann zum Soldaten wird. Ein paar Wochen später erhängte sie sich in der Kirche. Ihrem Vater, der als Feldprediger an der Front diente, hatte sie einen Abschiedsbrief hinterlassen, der im Wesentlichen aus nur wenigen Worten bestand:

"Wir alle sind Opfer dieses Krieges!"

Die Frauen aus dem Dorf hatten beschlossen, diesen Brief umgehend zu vernichten und auf gar keinen Fall an den Pfarrer weiterzuleiten. Solche negativen und zersetzenden Parolen durften niemals öffentlich Verbreitung finden! Diese Form der Schwäche und des Versagens würde nicht zuletzt auch dem Ansehen der anderen Dorfbewohnerinnen schaden. Man könnte sogar auf den Gedanken kommen, dass ein mutmaßlich unpatriotisches Umfeld solche Meinungen und Geschehnisse begünstigt beziehungsweise gar erst ermöglicht hätte. Ramona war zwar noch ein halbes Kind und sich der Konsequenzen ihrer Tat vermutlich gar nicht bewusst gewesen. Dennoch: Die Frauen im Dorf trugen eine kollektive Verantwortung und hatten somit ein gehöriges Maß an Schuld auf sich geladen. Johanna schüttelte missmutig den Kopf und trottete mir gesenktem Blick weiter. Die Straße war übersät von Schlaglöchern und losem Gestein, so dass schon ein kleiner Moment der Unachtsamkeit einen verstauchten Knöchel nach sich ziehen konnte. Johanna war immerhin schon dreiundsechzig und von der harten Arbeit auf den Feldern schwer gezeichnet. Die Frauen wurden nicht sehr alt. Lediglich die hoch betagte Rosi schien mit Gevatter Tod darum zu ringen, ihren achtzigsten Geburtstag im nächsten Frühjahr noch erleben zu dürfen. Sie war die Älteste im Dorf und jeder wusste ihre weißen Ratschläge zu schätzen; ganz gleich, ob es sich um Fragen der dörflichen Arbeitsorganisation, um Haushaltsangelegenheiten oder um Hilfe bei seelischen Problemen handelte.
Als die Männer in den Krieg gezogen waren, hatte sie sich um die Kinder gekümmert, ihnen Lesen und Schreiben beigebracht und in Sittsamkeit, Ehrlichkeit und Fleiß unterrichtet. Während anderswo Kummer und Niedergeschlagenheit die Herzen in Gräber verwandelten, wusste Rosi stets Trost zu verbreiten und die Hoffnung zu erhalten, dass die Kriegswirren eines Tages enden und die Männer wieder nach hause zurückkehren werden. Ohne Männer konnte es keine Kinder geben, und ohne Kinder keine Zukunft.
Doch selbst die Verwundeten und Krüppel mussten weiterhin an der unbekannten Front dienen. Kein Mensch wusste, wie viele von ihnen schon gefallen waren. Und wenn die Bäuerinnen des Abends beisammen saßen und ihre Lieder sangen, gab es gelegentlich schon sehr nachdenkliche Gesichter, in denen sich die Angst spiegelte, dass man auch die Frauen irgendwann in den Krieg schicken könnte.

Inzwischen hatte auch Rosi einen Großteil ihrer Energie und Lebensfreude eingebüßt. Das Haar war über die Jahre hinweg schneeweiß geworden und die einst kraftvolle Stimme klang nunmehr brüchig und rau. Johanna empfand eine tiefe Abneigung gegen dieses alte Weib; diese neunmalkluge Person, die als einzige nicht mehr zu harter Arbeit herangezogen wurde. Anstatt stets mit irgendwelchen schlauen Ratschlägen aufzuwarten, könnte sie vielmehr selbst einmal wieder mit Hand anlegen. Gegen ein paar häufigere Ruhepausen aufgrund ihres hohen Alters hätte sicherlich niemand etwas einzuwenden. Doch die ganze Zeit einfach nur im Sessel zu sitzen und sich durchfüttern zu lassen, durfte trotz aller Verdienste kein Dauerzustand werden! Johanna zählte ja selbst schon stolze dreiundsechzig Lenze und stand trotzdem gemeinsam mit den anderen Frauen täglich zu früher Stunde auf, um bis in den späten Abend hinein harte Arbeit zu verrichten. Sicher: Das Umgraben der kleinen Dorf-Äcker und ähnliche körperlich höchst anstrengende Tätigkeiten blieben ihr inzwischen weitestgehend erspart. Dennoch war das Abholen der Zuteilungen vom Bahnhof Rosendorf alles andere als eine leichte Aufgabe, zumal die Ladefrauen die Pakete meist einfach aus dem Waggon zu Johanna herab warfen. Zum Beladen des Handwagens blieb dann meist nicht allzu viel Zeit. Sobald der Zug den Bahnhof verließ, gab es keinen bewaffneten Schutz mehr und die Rosendorferinnen stürzten sich vermutlich auf die schwache alte Johanna, um ihr die Lebensmittel zu rauben.
Andere Dörfer in der Gegend schickten deshalb gleich mehrere kräftige Bäuerinnen zur Laderampe am Bahnhof, um ihre Zuteilungen notfalls mit Mistgabeln und Sensen verteidigen zu können. Solch einen personellen Aufwand konnten sich die Frauen aus Hagenbusch jedoch nicht erlauben, da sonst wichtige Arbeiten zuhause liegen geblieben wären. Sie waren ja nur dreizehn - Rosi mitgezählt.

Der Bahnhof befand sich gleich hinter dem Ortsschild auf der linken Straßenseite. Er war dort das einzige Gebäude, da die Siedlung Rosendorf komplett rechts der Fahrbahn lag. Um zur Laderampe zu gelangen, musste man etwa einhundert Meter über einen schlechten Kiesweg zurücklegen, auf dem bei Regenwetter die Handwagen regelmäßig stecken blieben. In solchen Fällen war stets zu befürchten, dass einige Hilfspakete zurückgelassen werden mussten beziehungsweise von den Rosendorfer Frauen gestohlen wurden.
Aber heute war ja ein höhnisch strahlender Sommertag; grausam glühend und verbrennend; ohne einen Lufthauch, der ein klein wenig Erfrischung hätte bringen können. Man konnte den heißen Asphalt durch die löchrigen Schuhsohlen hindurch spüren. Johannas Kehle schmerzte vor Trockenheit. Die Wasserflasche war längst leer getrunken und der perlende Schweiß hinterließ weiße Salzspuren auf der faltigen, fleckigen Haut. Es roch nach Staub. Ausruhen konnte Johanna nicht, weil sie sonst zu spät zur Verteilung der Vorräte gekommen wäre. Außerdem gab es vor dem Bahnhof einen Brunnen mit einigermaßen sauberem Wasser, so dass allein die Vorstellung vom kühlenden Nass die Schritte zu beschleunigen half.