Schriftsteller Ronny Weber

Adam

Wie jeden Tag fuhr dieser Mensch, nennen wir ihn Adam, auf der Straße des Lebens gen Süden. Es war eine monoton wirkende Straße aus schwarzem Asphalt; gelegentlich von Autobahnraststätten unterbrochen, die alle irgendwie gleich aussahen. Am rechten und linken Fahrbahnrand befanden sich stabile Leitplanken, hinter denen gigantische Lärmschutzwälle in den Himmel ragten, deren Dammkronen mit meterhohen Stacheldrahtzäunen gesichert waren. Diese Absperrungen dienten einzig und allein dem Schutze vor dem Unbekannten, das irgendwo außerhalb der Straßenröhren existieren mußte. Nicht auszudenken, was ohne die Absperrungen geschehen könnte, würde ein Fahrzeug von der Straße abkommen. Der Wagen könnte aufgrund seiner hohen Geschwindigkeit tatsächlich ins Unbekannte rasen, wo es ganz offensichtlich so schrecklich sein muß, daß die Erbauer der Straße es einst für notwendig gehalten hatten, gigantische Lärmschutzwälle aufzuschütten, die nicht das kleinste Geräusch von außerhalb durchlassen. Was für eine Hölle muß diese andere Welt wohl sein, wenn schon die Geräusche aus ihr so gefährlich sind! In Adams Welt hingegen ist alles perfekt. Man fährt geradewegs und ohne Umleitung gen Süden. Keine Vorfahrt zu beachten. Freie Fahrt für freie Bürger. Und für alles ist gesorgt: Speis und Trank, Benzin, Übernachtungsmöglichkeiten. An den Raststätten, die alle irgendwie gleich aussehen.

Adam fuhr an eine Raststätte, um etwas zu essen und das Fahrzeug aufzutanken. Die Fahrt gen Süden ist eine lange Reise und sie kostet eine Menge Geld. Doch das ist es der Süden auf jeden Fall wert. Daran glaubte Adam ganz fest. Nach einer kurzen Rast stieg Adam in sein Auto und fuhr los. Kurz vor der Auffahrt stand ein alter, seltsam aussehender Mann. Dieser streckte den Daumen raus und wollte mitgenommen zu werden. Adam wunderte sich: Wieso hat dieser Mensch kein eigenes Auto, wie alle anderen auch? Und wenn ich ihn mitnehme - vielleicht tötet er mich, um mein Auto zu stehlen? Doch halt: Vermutlich ist er selbst bestohlen worden. Der Ärmste! Also hielt Adam an, um den Alten einsteigen zu lassen. Dieser bedankte sich mit einem freundlichen Lächeln. Adam fragte den Alten, was diesem denn zugestoßen sei, daß er den Weg in den Süden ohne Auto antreten mußte. Der Alte schmunzelte und antwortete, daß er gar nicht in den Süden möchte. Nur ein kleines Stück will er mitfahren. Hin zu einem kleinen, fast vergessenen Rastplatz irgendwo zwischen den Bäumen. Die Hinweisschilder für diesen Rastplatz wurden schon vor langer Zeit entfernt. Man muß schon ein wenig suchen. Doch der Alte versicherte, er wüßte zumindest annähernd, wo dieser Rastplatz sei. Wie seltsam. Adam schüttelte den Kopf. Was reitet diesen alten Spinner, auf die tolle Mitfahrgelegenheit nach Süden zu verzichten. Wer soll den Alten an seinem Rastplatz finden? Dort gibt es wahrscheinlich noch nicht mal ein WC und schon gar keine Verpflegungs- und Übernachtungsmöglichkeiten. Doch der Alte schwieg zu seinen Beweggründen. Er lächelte nur freundlich und sagte immer wieder, daß er sehr dankbar sei, daß ihn jemand mitnähme. Adam empfand tiefes Mitleid mit dem Alten, doch schien es aussichtslos, ihn vom Süden überzeugen zu wollen. Nach einigen Stunden erreichten sie die Raststelle, einen ziemlich verwahrloster Ort mit ein paar steinernen Tischen und Holzbänken; trostlos und vermutlich seit Jahren von keinem Menschen mehr benutzt. Was bewegt den Alten, hierherzukommen? Adam wandte sich dem Alten zu, um ihn ein letztes mal überzeugen zu wollen, doch als er diesem ins faltige Gesicht sah, mußte er feststellen, daß der Alte soeben gestorben war.

Und Adam bereute seine Menschenfreundlichkeit. Wo sollte er jetzt mit der Leiche hin? Im Auto mitnehmen? Dann beginnt sie irgendwann zu stinken. Bis in den Süden ist es noch eine lange Reise. So entschloß sich Adam, die Leiche gleich hier zu beerdigen. Das muß schon sein. Auch dieser alte Spinner hat es verdient, ordnungsgemäß begraben zu werden. Adam griff sich den Klappspaten aus dem Werkzeugkoffer und ging mit dem Alten auf den Schultern in den Wald hinein. Er hoffte, eine geeignete Stelle für das Grab zu finden, bevor er an die Absperrung, die hier ja irgendwo verlaufen mußte, käme. Doch überall war Wurzelwerk oder steiniger Boden. Und so ging Adam weiter. Immernoch keine geeignete Stelle für ein Grab und immer noch kein Hinweis auf den Schutzwall vor der anderen Welt. Adam wunderte sich. Er war nun schon sehr tief in den Wald gelaufen. Er beschloß, umzukehren und den Leichnam des Alten bei der nächste Raststätte zurückzulassen. Sollen die sich doch darum kümmern. Adam schaute sich um und stellte entsetzt fest, daß er nicht mehr wußte, wie er hierhergekommen war. Überall nur Wurzelwerk und steiniger Boden. Keine Fußspuren konnten ihn zurückführen. Adam lauschte gespannt, ob er andere Autos hören konnte, die ihm eine Orientierung geben könnten. Doch nichts. Nur ein paar entfernte Kuckucksschreie. Adam fröstelte. Die Dämmerung war bereits angebrochen und Adam war allein. Doch plötzlich sah er einiger Meter vor sich, zwischen den Bäumen, eine Art - ja sollte das denn möglich sein - eine Art Weg, einen Pfad. Kaum wahrzunehmen, weil er von Gräsern und Farnen überwuchert war. Doch je weiter Adam sich näherte, umso deutlicher trat dieser Pfad zutage. Adam wußte nicht so recht, was er davon halten sollte. Wohin führt dieser Pfad? Zurück zur Autobahn? Oder vielleicht - Adam wurde kreidebleich - in die schreckliche andere Welt? Adam spürte Hunger. Und er fror. Hier konnte er unmöglich bleiben, in dieser Wildnis. Ängstlich und neugierig zugleich, ließ er den Leichnam des Alten zurück und begann langsam ein paar Meter auf diesem Pfad zu gehen. Immer wieder nach hinten blickend, um notfalls zurückgelangen zu können. Es wurde jedoch immer dunkler im Wald und Adam hatte Mühe, den Ausgangspunkt des Pfades im Auge zu behalten. Glücklicherweise war Vollmond, doch der Mond strahlte nicht vom Anfang des Weges her, sondern beleuchtete den Pfad von der anderen, unbekannten Seite. Keuchend folgte Adam dem Mond. Der Pfad war steinig, ein Weg aus losen Felsbrocken und Geröll. Rechts und links befand sich nur dunkler, schwarzer Wald. Der Pfad führte immer steiler zu einer Kuppe hinauf. Man konnte nicht sehen, was hinter der Kuppe war; man konnte jedoch fast glauben, der Mond befände sich genau dort oben auf der Kuppe. Adam dachte nach: Wenn ich diesem Mond entgegen wandere; welche Sonne läßt ihn glänzen? Ist es die Sonne, die ich kenne? Der Mond erleuchtet die falsche Seite der Welt; strahlt hier morgen auch die Sonne? Was treibt mich eigentlich in diese Richtung? Adam war zwar immer noch hungrig, aber mehr noch war er müde. Also setzte er sich an einen Baum und wollte ein wenig ausruhen. Doch kaum hatte er sich gesetzt, überwältigte ihn der Schlaf.

Als Adam erwachte, strahlte die Sonne so hell und so warm, wie er es noch nie erlebt hatte. Adam sah sich um. Er blickte den Pfad zurück, auf dem er hierher gekommen war. Er konnte von hier oben die Autobahn erkennen. Tief drunten im Tal und etliche Kilometer weit weg. Ein ziemlich langer Weg zurück; selbst bei Tageslicht. Adam schaute den Rest des Weges bis zur Kuppe hinauf. Es waren nur noch wenige hundert Meter bis ganz nach oben und man konnte fast glauben, die Sonne befände sich genau dort oben auf der Kuppe. Was war hinter der Kuppe? Adam war neugierig. Er könnte zumindest einmal nachschauen, bevor er zum Auto zurück ginge. Die paar hundert Meter - was soll's. Andererseits: Wenn hinter der Kuppe die schreckliche Gegenwelt läge? Dann wäre Adam vermutlich für immer verloren. Adam zögerte ...

Und er entschloß sich, keine Risiken einzugehen. Er wollte schließlich nach Süden und hatte großen Hunger. Also begann er, den Weg, den er hierher gekommen war und der ihn viel Kraft gekostet hatte, wieder zurückzugehen. Es ging stetig bergab und Adam erreichte sein Auto noch vor Einbruch der Dunkelheit. Den Leichnam des Alten suchte er erst gar nicht. Nicht schon wieder verlaufen. Er fuhr zur nächsten Raststätte, um sich eine ordentliche Mahlzeit zu gönnen. Zugleich kaufte er noch einen Mantel. Es war ziemlich kalt gewesen, in der letzten Nacht. Als sich Adam gestärkt und den Tank aufgefüllt hatte, stieg er in sein Auto und fuhr los. Kurz vor der Auffahrt stand ein alter, seltsam aussehender Mann ...